Wohnen und Nachtleben am selben Ort ?

Nun, Solothurn versucht schon seit Jahren, diese beiden legitimen Interessen unter einen Hut zu bringen. Das neue Reglement soll mehr Klarheit für alle Beteiligten schaffen. Allerdings schafft es auch neue Privilegien für die Nachtschwärmer: So haben von Donnerstag bis Samstag in der Gastrozone A die gastwirtschaftliche Nutzung und die Ausgangsbedürfnisse gegenüber der Wohnnutzung Vorrang, und zwar bis 04.00 Uhr. Auch die Aussenöffnungszeiten bis 02.00 Uhr muss man sich erst einmal auf der Zunge zergehen lassen.

Andererseits gibt es Mieter, Wohnungs- und Hauseigentümer, die zum Teil schon seit Jahrzehnen in der Altstadt leben und dort auch bleiben möchten. Die Liegenschaftsbesitzer investieren immer wieder grosse Summen in den Erhalt unserer schönen Altstadt - nur dank diesen ist die Altstadt heute so attraktiv. Ohne Liegenschaftsbesitzer, die mitmachen, kann es auch eine funktionierende Ausgehmeile geben.

Ein Liegenschaftsbeitzer hat bereits öffentlich gemacht, dass er eine bevorstehende Renovation verschoben hat, weil er davon ausgeht, dass der Mietertrag seiner Wohnungen sinken würde und er insgesamt Geld verlieren würde. Insofern scheint ein Kompromiss notwendig zu sein. Und übrigens, es gibt ein Recht auf Nachtruhe - aber es gibt kein Recht auf Nachruhestörung oder Ausgang bis 04.00 Uhr.

Ausserdem gilt es zu bedenken, dass Wohnungseigentümer faktisch enteignet werden, wenn sie ihr Eigentum nicht mehr gemäss ihrem Nutzungsrecht, nämlich als Wohnung, nutzen können.

Die neue Gastrozone A will also die Wohnnutzung aus der Altstadt verdrängen zu Gunsten eines ausgedehnten Partybetriebs. Wollen wir das wirklich?

Es scheint eher von Nöten zu sein, dass die unversöhnlichen Extrempositionen verlassen werden, und zwar von beiden Seiten, damit eine für alle tragbare Lösung gefunden werden kann.

Am meisten erstaunt bei der ganzen Sache die Radikalität, die Vehemenz der Forderungen nach mehr Nachtleben, nach mehr Konsum. Insbesondere linke und grüne Parteien kritisieren ja immer wieder unser Wachstums- und Konsumgesellschaft sehr scharf. Aber offenbar ist es der Konsum der andern, der stört, der eigene Konsumrausch hingegen scheint kein Problem zu sein. Die gleichen Kreise wehren sich vehement gegen verlängerte Ladenöffnungszeiten - und vergessen offenbar, dass das Personal in Beizen nichts anderes ist als Verkaufspersonal.

Ausweitung der Partyzone (Landi, Westbahnhof bis zur Velounterführung Segetzstrasse ?

Offenbar plant die Stadt zusammen mit den SBB einen grossen Ausgehtempel auf dem Areal des Westbahnhofs. Weshalb sonst weitet die Stadt die Partymeile zum Bahnhof hin aus und lässt ausserdem seit Februar 2018 einen diesbezüglichen Studienauftrag erstellen?

Um an der Mitwirkung sinnvoll teilnehmen zu können, müssten zumindest in groben Zügen die Ideen dargelegt werden. Leider stösst man diesbezüglich auf eisernes Schweigen. Die Stadt will uns offenbar die Katze im Sack verkaufen.